AKNS Aktuell

AK NS-Workshop 2012


Stadtentwicklung in Südasien / Urban Development in South Asia

Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets, Universität Hamburg und Arbeitskreis Neuzeitliches Südasien (AK NS) in der DGA, Hamburg, 9.–10. November 2012

Konferenzbericht von Hermann Kreutzmann, ASIEN 126 (S. 113–115)

Im Vorfeld des 10. Südasientages an der Universität Hamburg veranstalteten die Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets, Universität Hamburg und der Arbeitskreis Neuzeitliches Südasien in der DGA einen von Tatiana Oranskaia konzipierten Workshop, der sich der Stadtentwicklung in Südasien widmete. Das Phänomen einer beschleunigten Urbanisierung mit einem stetig wachsenden Anteil städtischer Bevölkerung – mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Städten, ungefähr ein Drittel der südasiatischen Einwohner ebenfalls – sowie der Unzulänglichkeit von Verwaltung und Infrastrukturausstattung, die mit diesen Herausforderungen nur beschränkt Schritt halten kann. Über die „klassischen“ Akteure im städtischen Raum hinaus gestalten heute eine Vielzahl von internen und externen Interessensvertretern sowie von formellen und informellen Handlungsträgern die Prozesse, die von Neoliberalismus und Investitionen ebenso geprägt sind, wie von Ansätzen zur nachhaltigen Entwicklung bei Nutzung des Potentials informeller Praxis. Die Herausforderungen, denen sich südasiatische Metropolen zu stellen haben, griff aus planerischer Perspektive Utpal Sharma, Direktor der School of Planning and Public Policy an der CEPT-Universität in Ahmedabad, Gujarat, Indien auf und exemplifizierte sie am Beispiel der Metropolregion Hyderabad. Neben eindrucksvollen Einblicken in den Planungsprozess und seine Umsetzung wurde deutlich, was „urban sprawl“ als Ausdruck von städtischer Expansion in den ländlichen Raum für den Infrastrukturausbau und die Bereitstellung von Wohnraum und Dienstleistungen bedeutet. Planung gerät häufig ins Hintertreffen, da der Baufortschritt und die Schaffung von Tatsachen schneller sind: „Planning follows building“. In einer statistischen Parametrisierung verortete Dirk Bronger die Position südasiatischer Metropolen. Die Einreihung dieser städtischen Agglomerationen in eine Rangliste bedient sich der Charakterisierung durch Zahlenwerte, die wie Botschafter a.D. Hans-Georg Wieck in seinem Beitrag zum „öffentlichen Diskurs über die Gefahren der Megastädte für die Demokratie und den sozialen Frieden in Indien“ betonte, das hohe, in den informellen Sektoren der Städte schlummernde Potential ausblendet bzw. die Realitäten dieser hoch verdichteten sog. Marginalviertel vernachlässigt. In vielen südasiatischen Metropolen werden gerade hier substantielle Beiträge zur Bedienung des Wohnungs- und Arbeitsplatzbedarfs in informellen Siedlungen – basti, katchi abadi – bei höchster Raumnutzungseffizienz geleistet. Diese Konstellation sollte als Chance und nicht allein als Problem städtischer Entwicklung betrachtet werden. Radikale Maßnahmen zum Zurückdrängen der Informalität würden das Potential an Unsicherheit und Extremismus substantiell erhöhen. Der Prozess der Integration informeller Siedlungen sei ein evolutionärer bei Bereitstellung verbesserter Versorgungs- und Entsorgungseinrichtungen (Wasser, Kanalisation, Elektrizität etc.). Beispiele guter Praxis präsentierte Shrawan Kumar Acharya, Dekan der Fakultät für nachhaltige Entwicklung und Klimawandel an der CEPT-Universität in Ahmedabad. Solche Maßnahmen bedürfen einer Ausweitung und Übertragung, um signifikante Beiträge zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu leisten. Auf ein Phänomen städtischer Epidemien wies Syed Qalb-i-Abid, Dekan an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Punjab-Universität in Lahore, Pakistan hin. Neben allen Unzulänglichkeiten der Aufarbeitung der Dengue-Fieber-Epidemie in Lahore 2011 ist bislang selbst das Ausmaß kaum erfasst worden. das Beispiel zeigte deutlich, dass die Vorbereitung auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen in schnell wachsenden Agglomerationen mit dem Tempo der Entwicklung nicht Schritt halten. In städtischen Konstellationen, die wie die afghanischen Städte durch von Kriegsparteien verursachte Zerstörungen und faktioneller Aufteilung geprägt sind, können sich unterschiedliche Formen von Informalität ausbilden und Verstärken. Stefan Schütte, Centre for Development Studies an der Freien Universität Berlin, lotete am Beispiel der afghanischen Hauptstadt Kabul entgegengesetzte Pole von Informalität aus. Informalität von oben drückt sich in den palast- und festungsähnlichen Gebäuden faktioneller Machthaber aus, die durch ihren Einfluss auch die informellen Siedlungen der Menschen ermöglichen und kontrollieren, die auf der Suche nach Sicherheit nach Kabul gekommen sind und dazu beigetragen haben, dass heute ein Fünftel der afghanischen Bevölkerung in der keineswegs friedvollen Agglomeration Schutz und Überlebensmöglichkeiten sucht. Drei Werkstattberichte aus laufenden Forschungen weiteten das Spektrum: Christine Hobelsberger von der Universität Kaiserslautern berichtete von ihrem Projekt über Nahrungsmärkte in Dhaka und darüber, wie neue Formen des Angebots (Supermärkte etc.) angenommen werden und in Konkurrenz zu existierenden dezentralen Versorgungsstrukturen treten. Ram Prasad Bhatt wies auf die Urbanisierungsherausforderungen in nachgeordneten Großstädten hin. Am Beispiel von Dehra Dun exemplifizierte er das hohe Tempo städtischen Wachstums in Verbindung mit ökologischen und sozio-ökonomischen Problemlagen. Marina Marinova lenkte die Aufmerksamkeit auf Sprachveränderungen im Umfeld der Hindi-Sprecher und der Ausbildung einer sich verselbständigenden städtischen Sprache. Ihr Forschungsprojekt versucht herauszufinden, ob sich eine Kreolisierung im städtischen Sprachumfeld nachweisen lässt. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops waren sich einig, dass in diesem intensiv geführten Rundgespräch vielfältige Forschungsdesiderata herausgearbeitet wurden, die eindeutig auf vermehrten Forschungsbedarf hinweisen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass bei aller Differenz zwischen südasiatischen Staaten ähnliche Problemlagen existieren und der partnerschaftliche und professionell geführte Dialog zu einem fruchtbringenden Austausch beitragen kann. Schlussendlich blieb die Frage im Raum, wie städtische Akteure dazu beitragen können, den Prozess wachsender informeller Siedlungen in einer Weise aufzunehmen, dass Verbesserungen der Lebensbedingungen in existierenden informellen Siedlungen herbeigeführt werden können und zukünftige Wachstumsgewinne städtischer Bevölkerung aus Land-Stadt-Migration in Projekten aufgefangen werden können, die lebenswerten Wohn- und Arbeitsraum vorausschauend bereitstellen können. Nach Ende des Workshops wurde das wichtige Thema der südasiatischen Stadtentwicklung in Form einer Podiumsdiskussion im Rahmen des 10. Südasientages mit diplomatischen Vertretern – der indischen Botschafterin Sujatha Singh und dem Botschafter Bangladeschs Mosud Mannan sowie dem stellvertretenden Botschafter Pakistans Mazhar Javed und dem afghanischen Gesandten Botschaftsrat Abed Nadjib – sowie den Wissenschaftlern Ingrid Breckner, Stadtsoziologin an der HafenCity-Universität Hamburg, Syed Qalb-i-Abid, Punjab-Universität Lahore, und Hermann Kreutzmann, Centre for Development Studies, Freie Universität Berlin, unter der Moderation von Botschafter a.D. Hans-Georg Wieck fortgeführt. Hermann Kreutzmann

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AK NS-Workshop 2012 „Urban Development in South Asia “


Stadtentwicklung in Südasien

Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets, Universität Hamburg und Arbeitskreis Neuzeitliches Südasien (AK NS) in der DGA, Hamburg, 9.–10. November 2012

Konferenzbericht von Hermann Kreutzmann, ASIEN 126 (S. 113–115)

Im Vorfeld des 10. Südasientages an der Universität Hamburg veranstalteten die Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets, Universität Hamburg und der Arbeitskreis Neuzeitliches Südasien in der DGA einen von Tatiana Oranskaia konzipierten Workshop, der sich der Stadtentwicklung in Südasien widmete. Das Phänomen einer beschleunigten Urbanisierung mit einem stetig wachsenden Anteil städtischer Bevölkerung – mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Städten, ungefähr ein Drittel der südasiatischen Einwohner ebenfalls – sowie der Unzulänglichkeit von Verwaltung und Infrastrukturausstattung, die mit diesen Herausforderungen nur beschränkt Schritt halten kann. Über die „klassischen“ Akteure im städtischen Raum hinaus gestalten heute eine Vielzahl von internen und externen Interessensvertretern sowie von formellen und informellen Handlungsträgern die Prozesse, die von Neoliberalismus und Investitionen ebenso geprägt sind, wie von Ansätzen zur nachhaltigen Entwicklung bei Nutzung des Potentials informeller Praxis. Die Herausforderungen, denen sich südasiatische Metropolen zu stellen haben, griff aus planerischer Perspektive Utpal Sharma, Direktor der School of Planning and Public Policy an der CEPT-Universität in Ahmedabad, Gujarat, Indien auf und exemplifizierte sie am Beispiel der Metropolregion Hyderabad. Neben eindrucksvollen Einblicken in den Planungsprozess und seine Umsetzung wurde deutlich, was „urban sprawl“ als Ausdruck von städtischer Expansion in den ländlichen Raum für den Infrastrukturausbau und die Bereitstellung von Wohnraum und Dienstleistungen bedeutet. Planung gerät häufig ins Hintertreffen, da der Baufortschritt und die Schaffung von Tatsachen schneller sind: „Planning follows building“. In einer statistischen Parametrisierung verortete Dirk Bronger die Position südasiatischer Metropolen. Die Einreihung dieser städtischen Agglomerationen in eine Rangliste bedient sich der Charakterisierung durch Zahlenwerte, die wie Botschafter a.D. Hans-Georg Wieck in seinem Beitrag zum „öffentlichen Diskurs über die Gefahren der Megastädte für die Demokratie und den sozialen Frieden in Indien“ betonte, das hohe, in den informellen Sektoren der Städte schlummernde Potential ausblendet bzw. die Realitäten dieser hoch verdichteten sog. Marginalviertel vernachlässigt. In vielen südasiatischen Metropolen werden gerade hier substantielle Beiträge zur Bedienung des Wohnungs- und Arbeitsplatzbedarfs in informellen Siedlungen – basti, katchi abadi – bei höchster Raumnutzungseffizienz geleistet. Diese Konstellation sollte als Chance und nicht allein als Problem städtischer Entwicklung betrachtet werden. Radikale Maßnahmen zum Zurückdrängen der Informalität würden das Potential an Unsicherheit und Extremismus substantiell erhöhen. Der Prozess der Integration informeller Siedlungen sei ein evolutionärer bei Bereitstellung verbesserter Versorgungs- und Entsorgungseinrichtungen (Wasser, Kanalisation, Elektrizität etc.). Beispiele guter Praxis präsentierte Shrawan Kumar Acharya, Dekan der Fakultät für nachhaltige Entwicklung und Klimawandel an der CEPT-Universität in Ahmedabad. Solche Maßnahmen bedürfen einer Ausweitung und Übertragung, um signifikante Beiträge zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu leisten. Auf ein Phänomen städtischer Epidemien wies Syed Qalb-i-Abid, Dekan an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Punjab-Universität in Lahore, Pakistan hin. Neben allen Unzulänglichkeiten der Aufarbeitung der Dengue-Fieber-Epidemie in Lahore 2011 ist bislang selbst das Ausmaß kaum erfasst worden. das Beispiel zeigte deutlich, dass die Vorbereitung auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen in schnell wachsenden Agglomerationen mit dem Tempo der Entwicklung nicht Schritt halten. In städtischen Konstellationen, die wie die afghanischen Städte durch von Kriegsparteien verursachte Zerstörungen und faktioneller Aufteilung geprägt sind, können sich unterschiedliche Formen von Informalität ausbilden und Verstärken. Stefan Schütte, Centre for Development Studies an der Freien Universität Berlin, lotete am Beispiel der afghanischen Hauptstadt Kabul entgegengesetzte Pole von Informalität aus. Informalität von oben drückt sich in den palast- und festungsähnlichen Gebäuden faktioneller Machthaber aus, die durch ihren Einfluss auch die informellen Siedlungen der Menschen ermöglichen und kontrollieren, die auf der Suche nach Sicherheit nach Kabul gekommen sind und dazu beigetragen haben, dass heute ein Fünftel der afghanischen Bevölkerung in der keineswegs friedvollen Agglomeration Schutz und Überlebensmöglichkeiten sucht. Drei Werkstattberichte aus laufenden Forschungen weiteten das Spektrum: Christine Hobelsberger von der Universität Kaiserslautern berichtete von ihrem Projekt über Nahrungsmärkte in Dhaka und darüber, wie neue Formen des Angebots (Supermärkte etc.) angenommen werden und in Konkurrenz zu existierenden dezentralen Versorgungsstrukturen treten. Ram Prasad Bhatt wies auf die Urbanisierungsherausforderungen in nachgeordneten Großstädten hin. Am Beispiel von Dehra Dun exemplifizierte er das hohe Tempo städtischen Wachstums in Verbindung mit ökologischen und sozio-ökonomischen Problemlagen. Marina Marinova lenkte die Aufmerksamkeit auf Sprachveränderungen im Umfeld der Hindi-Sprecher und der Ausbildung einer sich verselbständigenden städtischen Sprache. Ihr Forschungsprojekt versucht herauszufinden, ob sich eine Kreolisierung im städtischen Sprachumfeld nachweisen lässt. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops waren sich einig, dass in diesem intensiv geführten Rundgespräch vielfältige Forschungsdesiderata herausgearbeitet wurden, die eindeutig auf vermehrten Forschungsbedarf hinweisen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass bei aller Differenz zwischen südasiatischen Staaten ähnliche Problemlagen existieren und der partnerschaftliche und professionell geführte Dialog zu einem fruchtbringenden Austausch beitragen kann. Schlussendlich blieb die Frage im Raum, wie städtische Akteure dazu beitragen können, den Prozess wachsender informeller Siedlungen in einer Weise aufzunehmen, dass Verbesserungen der Lebensbedingungen in existierenden informellen Siedlungen herbeigeführt werden können und zukünftige Wachstumsgewinne städtischer Bevölkerung aus Land-Stadt-Migration in Projekten aufgefangen werden können, die lebenswerten Wohn- und Arbeitsraum vorausschauend bereitstellen können. Nach Ende des Workshops wurde das wichtige Thema der südasiatischen Stadtentwicklung in Form einer Podiumsdiskussion im Rahmen des 10. Südasientages mit diplomatischen Vertretern – der indischen Botschafterin Sujatha Singh und dem Botschafter Bangladeschs Mosud Mannan sowie dem stellvertretenden Botschafter Pakistans Mazhar Javed und dem afghanischen Gesandten Botschaftsrat Abed Nadjib – sowie den Wissenschaftlern Ingrid Breckner, Stadtsoziologin an der HafenCity-Universität Hamburg, Syed Qalb-i-Abid, Punjab-Universität Lahore, und Hermann Kreutzmann, Centre for Development Studies, Freie Universität Berlin, unter der Moderation von Botschafter a.D. Hans-Georg Wieck fortgeführt. Hermann Kreutzmann

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